Lessings große Reise. Eine Spurensuche

 

»Epictetus, ein Feind aller Eitelkeit, ... sagt: es wäre
einem Menschen sehr unanständig, immer wie ein Baum
auf seinem Erdreiche stehen zu bleiben.«
Johann David Köhler, 1762

Am 10. Mai 1756 brachen Gotthold Ephraim Lessing und der Leipziger Kaufmannssohn Christian Gottfried Winckler (1734–1784) zu einer auf mindestens drei Jahre geplanten Europareise auf.

Die Route führte Lessing und Winckler zunächst nach Hamburg, anschließend durch Groningen und Friesland bis an die Ufer der Zuiderzee, von wo aus sie Ende Juli nach Amsterdam übersetzten. Ihre Weiterreise nach England planten sie für den Oktober. Während der Fahrt durch die südlichen Provinzen der Niederlande erreichte sie jedoch die Nachricht, dass Friedrich II. (1712–1786) Kursachsen besetzen ließ und preußische Truppen auch in Leipzig stünden. Die beiden Reisenden entschieden daher, ihre Tour zu unterbrechen und fanden sich Ende September nicht in London, sondern wieder in Leipzig ein.

Mit dem preußischen Einmarsch in Sachsen hatte der sogenannte ›Siebenjährige Krieg‹ begonnen, in dem sich Preußen bis zum Februar 1763 gegen eine Allianz aus Österreich, Frankreich, Russland und dem Heiligen Römischen Reich behaupten musste. Mit diesen ›europäischen‹ Ereignissen verbunden war ein Kolonialkrieg, in dem Großbritannien und Frankreich, Portugal und Spanien um die Vorherrschaft in Nordamerika, Afrika, Indien und in der Karibik kämpften. In den Wirren, die der Krieg auch für Leipzig mit sich brachte, verloren Winckler und Lessing die Fortsetzung ihrer Reise aus den Augen. Schließlich zerstritten sie sich so grundsätzlich, dass ein Gericht ihre Angelegenheiten klären musste.

In einem Brief aus dem Jahr 1757 sprach Lessing zynisch vom «drolligen Schicksal» seiner Reise. Dieses ‹Schicksal› in den Grenzen der politischen Konjunkturen zu bestimmen, fällt verhältnismäßig leicht. Schwer dagegen ist es, verlässliche Aussagen über die absolvierte Route oder die geplanten Reisestationen zu machen. So ist der von Lessing entworfene Reiseplan nicht überliefert; sicher ist nur, dass die Tour auch durch England, Frankreich und Italien führen sollte. Das von Lessing geführte Tagebuch ging verloren und aus der Handvoll erhaltener Briefe, welche die Reise erwähnen, geht nicht mehr hervor als die Namen einzelner Aufenthalte und Begegnungen. Auch zu den Hoffnungen, die er mit der Reise selbst verband, hat sich Lessing nur lakonisch und beiläufig geäußert.
Im Fall von Christian Gottfried Winckler ist die Quellenlage sogar noch dürftiger, denn es scheinen sich weder persönliche Aufzeichnungen noch Korrespondenzen oder ein Porträt erhalten zu haben. Einzelne, verstreut überlieferte Dokumente und die gut dokumentierte Familiengeschichte erlauben es immerhin, Wincklers Lebensweg in groben Zügen nachzuvollziehen und ihn ein wenig aus dem schlechten Licht zu rücken, in das ihn die Literaturgeschichte seit dem Scheitern der Reise gestellt hat.

Betrachtet man diese wenigen Zeugnisse allerdings vor der Folie der Reisekultur des 18. Jahrhunderts, wie sie in zahllosen Reiseberichten und Briefen, Handbüchern und Apodemiken dokumentiert ist, werden deutlichere Spuren sichtbar. Die Ausstellung versteht sich als eine solche ›Spurensuche‹. Sie dokumentiert das historisch Verbürgte, beleuchtet die Reisehintergründe und den Reisealltag, folgt den Reisenden durch Holland bis zu ihrer überraschenden Umkehr und führt dann die Tour spekulativ fort, indem sie zeigt, was Lessing und Winckler im Fortgang ihrer Reise hätten erleben können.

Die Ausstellung ist vom 12. Mai bis 7. August im Gleimhaus Halberstadt und vom 21. September bis zum 27. November 2016 im Lessing-Museum Kamenz gezeigt worden. Begleitend ist ein Essayband erschienen, der Texte zur Reise Lessings, zur Reisekultur des 18. Jahrhunderts und zu den Zielländern der Bildungsreisen versammelt.

 

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